Die Betrachtung von Gebäuden in einem Quartier ermöglicht neue Energiekonzepte, die über die Möglichkeiten einzelner Gebäude hinausgehen. Mehrere Gebäude können effizienter energetisch betrachtet und versorgt werden. Zusätzlich ist ein energetisches Quartierskonzept ein Beitrag zur Aufwertung des gesamten Quartiers. Die Ausgestaltung eines Quartierskonzeptes ist auf vielen unterschiedlichen Wegen möglich. Eine wesentliche Rolle kann die lokale Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien spielen. 

 

Bedeutung des Quartiers in der Sanierung

Üblich ist es, dass Architekt*innen in der Gebäudesanierung nur individuelle Gebäude betrachten. Sie verbessern die Energie- und Klimabilanz von einzelnen Gebäuden durch Wärmedämmung, neue Fenster und neue Heizungsanlagen. Dabei können sie nur einzelne Gebäude optimieren und gelangen häufig an die Grenzen der Optimierung, sei es aus Gründen der Wirtschaftlichkeit oder des Denkmalschutzes. Wirkungsvoller kann es daher sein, die Energiebilanz eines Ensembles von mehreren Gebäuden zu betrachten und zu optimieren.

 

Wir müssen auch beachten, dass Gebäude im städtischen Umfeld nicht für sich alleine stehen. Sie wirken immer in Beziehung zueinander und zu ihrer Umgebung. Dabei gehen die Aspekte des Quartiers über die energetische und wirtschaftliche Betrachtung hinaus. Hinzu kommen soziale und kulturelle Aspekte, die für Bewohner*innen und Eigentümer*innen eine große Rolle spielen.

 

Das Quartier ist in der Diskussion um die Energiezukunft nicht einheitlich definiert. Es setzt sich aus mehreren flächenmäßig zusammenhängenden Gebäuden, einschließlich der öffentlichen Infrastruktur, zusammen. Es ist kleiner als ein ganzer Stadtteil und entspricht eher einer Nachbarschaft. Diese Definition stammt aus dem Merkblatt der KfW für die energetische Stadtsanierung.

 

Wie sieht ein energetisches Quartierskonzept aus?

Von einem energetischen Quartierskonzept sprechen wir, wenn effiziente, dezentrale Energieversorgung, energetische Sanierung und der Ausbau erneuerbarer Energien in einer Nachbarschaft zusammen gedacht und realisiert werden. Dieser Ansatz senkt den Energie- und Ressourcenbedarf in neuen und in bestehenden Quartieren effektiver, als durch Einzellösungen. Zusätzlich kann die gemeinsame Betrachtung die Lebensqualität der Bewohner in der Nachbarschaft erhöhen. 

 

Praktisch gesehen kann dies eine gemeinsam genutzte und vernetzte Energieinfrastruktur bedeuten. Die Gebäude erhalten damit eine gemeinsame Strom- und Wärmeversorgung. Eine intelligente Vernetzung der Gebäude und Anlagen zur Energieerzeugung, Stichwort Smart City, sorgt für eine Optimierung von Erzeugung und Verbrauch. 

 

Solch ein integriertes energetisches Quartierskonzept macht die Nachbarschaft nachhaltiger. Deshalb werden Planung und Umsetzung von Quartierskonzepten vom Staat über diverse KfW-Programme gefördert.

 

Klimagerechte Wärmeversorgung im Quartier

Vor allem in der Wärmeversorgung bietet sich eine gemeinschaftliche Nutzung in der Nachbarschaft an. Diese lässt sich zum Beispiel in einem mit erneuerbaren Rohstoffen betriebenen Blockheizkraftwerk (BHKW) oder mittels Solarthermie realisieren. Die einzelnen Gebäude des Quartiers werden in einem Nahwärmenetz verbunden, um alle Wohnungen effizient mit Wärme versorgen zu können. Im Quartier bietet sich auch ein Wärmemetz mit geringer Temperatur (“Kalte Nahwärme”) in Verbindung mit dezentralen Wärmepumpen an.

 

Mobilitätsangebote für die Nachbarschaft

Zu einem Quartierskonzept gehört mehr als nur eine Bereitstellung von Parkplätzen für die Bewohner. Wohnungsunternehmen bieten ihren Mieter*innen mittlerweile auch Carsharing-Lösungen an, sowie Ladepunkte für Elektroautos und Pedelecs. Diese können alle Bewohner im Quartier - idealerweise mit selbst erzeugten Strom gemeinschaftlich - nutzen. Im Quartier sind solche klimabewussten Angebote einfacher und wirtschaftlicher umzusetzen als für einzelne Gebäude.

 

Stromversorgung mit erneuerbaren Energien im Quartier

Neben BHKW bieten sich natürlich Photovoltaikanlagen an, um vor Ort erneuerbaren Strom für die Nachbarschaft zu erzeugen. Passend wäre eigentlich das Mieterstrommodell. Allerdings hat der Gesetzgeber den Mieterstrom-Begriff nicht weit genug gefasst: Den Mieterstrom-Zuschlag gibt es nur für Strom, der auf oder an einem Wohnhaus produziert und auch dort verbraucht wird. Eine Belieferung der umliegenden Wohnhäuser ist in der Mieterstrom-Förderung nicht vorgesehen.

 

Aufgrund von verschiedensten Faktoren, wie Verschattung oder Denkmalschutz, kann jedoch nicht auf jedem Haus eine eigene PV-Anlage installiert werden. Dadurch können manche Mieter im Quartier nicht von den Vorteilen des Mieterstroms profitieren. Hier besteht Handlungsbedarf: Der Gesetzgeber muss den Spielraum für Mieterstrom auf umliegende Gebäude erweitern, um wirklich nachhaltige Wohnquartiere zu ermöglichen. 

 

Ohne die regulatorischen Hindernissen könnten Quartiere den Strom aus Photovoltaikanlagen in allen dazugehörenden Gebäuden nutzen. Für eine unabhängigere Stromversorgung ist es möglich die PV-Anlage durch ein BHKW zu ergänzen. Dieses übernimmt auch die Wärmeversorgung in den Gebäuden. 

 

Zusätzlich bietet es sich an, verbleibenden Strom für die Versorgung mit Wärme und Mobilität im Quartier einzusetzen. In der Wärmeversorgung können beispielsweise Wärmepumpen mit Strom aus der PV-Anlage arbeiten. Alternativ ist es möglich den Solarstrom als Wasserstoff zu speichern. Dieser kann für eine spätere Nutzung in Brennstoffzellen für Wärme und Strom im Winter zum Einsatz kommen.

 

Energie im Quartier gemeinsam nutzen

Zusammenfassend betrachtet kann ein energetisches Quartierskonzept die Energieeffizienz von Gebäuden erhöhen, häufig über das Maß des einzelnen Gebäudes hinaus. Im Quartier sind Synergieeffekte möglich, sowohl für die Energieeffizienz als auch bei der Erzeugung von Strom und Wärme mit erneuerbaren Energien. Ein energetisches Quartierskonzept bietet somit die Chance die Energiebilanz im Quartier, im Vergleich zur individuellen Betrachtung von Gebäuden, deutlich verbessern.

Nicht zuletzt hat ein energetisches Quartierskonzept auch soziale Aspekte. Es wertet das Quartier als Ganzes auf, ermöglicht geringere Kosten für Strom und Wärme und schützt vor einem Anstieg der Energiekosten. Das Quartier wird somit attraktiver für die Bewohner*innen.




Andreas Kühl

Andreas Kühl

Erfahrener Energieblogger mit hohem Interesse die Energiewende mit innovativen Technologien und Geschäftsmodellen voranzubringen. Experte für Gebäudeenergie bei SOLARIMO mit dem Hintergrund als Dipl.-Ing. (FH) Bauphysik.

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